Der Abend wechselt langsam die Gewaender,
die ihm ein Rand von alten Baeumen haelt;
du schaust: und von dir scheiden sich zwei Laender,
ein himmelfahrendes und eins, das faellt. (…)
und lassen dir (unsaeglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
so dass es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.
(R.M.Rilke „Abend“)
Sehr geehrte Damen und Herren!
1.
Mein Beitrag ist das Ergebnis meiner Versuche, auf folgende Frage zu antworten: wie kann der Mensch bei der Entwicklung unterschiedlicher geistiger Akte, die nicht der Chronologie der Lebensperioden entsprechen, deren innere Logik erkennen. Wodurch kann er hoffen und erkennen, dass sein Leben nicht eine zufälliges Auf und Ab ist, sondern dass sich darin die Kontinuität des eigenen Lebensprogramms und die Zweckmaessigkeit, die Vernünftigkeit des eigenen Lebensweges spiegelt?
Nach meiner Ansicht behandelte Fichte diese Frage nicht nur in logischer sondern auch anthropologischer Hinsicht, als er verschiedene Varianten des Systems der Wissenschaftslehre schuf, so als ob er jedes Mal von neuem seinen Weg begänne. Ist das System der Wissenschaftslehre ein einheitliches System oder gibt es verschiedene Systeme der Wissenschaftslehre? Diese Frage (wie schon viele bekannte Fichte-Forscher aufgezeigt haben) kann man nur dann beantworten, wenn es gelingt, ein einheitliches Prinzip zu erkennen, aus dem sich alle vorangehenden Konstruktionen logisch begründen und entfalten lassen. Gerade das nenne ich „transzendieren“ (den Prozess des Transzendierens) .
Doch kann der Prozess des Transzendierens nicht nur als ein denk-logischer, sondern auch als anthropologischer Prozess beschrieben werden. Das Subjekt gelangt schwerlich zur völligen Selbstdurchschauung, trotzdem bleibt das Bedürfnis des Menschen, sich selbst im Laufe seines Lebens eine Einheit zu schaffen; dies rechtfertigt die Betrachtung des Transzendierens vom anthropologischen Standpunkt. Ausgehend von diesem Standpunkt erscheint Fichtes Suche nach der einheitlichen Grundlage seines Systems vergleichbar mit der Suche nach der einheitlichen Grundlage aller Lebenspraktiken des Menschen. Das Thema des Transzendierens bekommt gerade in den „Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten“ von 1811 eine solche Wendung.
2.
Die Fassung der „Bestimmung des Gelehrten“ von 1811 unterscheidet sich von der Variante „Ueber die Bestimmung des Gelehrten“ von 1794 sehr stark (die Variante 1806 schliesse ich bewusst aus meiner Betrachtung aus, damit der Kontrast schärfer wird). Genauer gesagt, es sind vollkommen verschiedene Schriften. Gemeinsamkeiten gibt es vielleicht nur im Titel und darin, dass sie beide aus fünf Vorlesungen bestehen.
In der Fassung von 1794 kann keine Rede vom Prozess des Transzendierens sein, da es dafür erst einer fundamentalen Veränderung in Fichtes Verständnis der Natur des Wissens selbst und dementsprechend des Systems der Wissenschaftslehre bedurfte. Mit anderen Worten: Fichte mußte erst zu der Erkenntnis kommen, dass Wissen eine metaphysische Realität hat, die von Gott ausgeht und ihr unsichtbares Wesen in ihren verschiedenen Formen offenbart.
Fichte behandelt in seiner Schrift von 1794 die verschiedenen Typen der Grenzverschiebung, d.h. er schreibt über einzelne Handlungen des Transzendierens, aber nicht über den grundsätzlichen Prozess des Transzendierens. Im ersten Teil des Berichts werde ich aufzeigen, dass in beiden Texten die Konstruktion des Transzendierens sowie die Konstruktion der Verschiebung der Grenzen dargestellt wird, wenn auch in vollkommen unterschiedlicher Weise. Im zweiten Teil des Vortrags werde ich mich bemühen darzulegen, dass ungeachtet dieser grossen Verschiedenheit, beiden Schriften eine einheitliche Konstruktion zu Grunde liegt, die von einer einheitlichen Logik erfüllt ist. Außerdem erlaubt gerade das Thema des Transzendierens, diese einheitliche Logik überhaupt erst zu sehen.
3.
Zum besseren Verständnis, wie sehr sich die erste Variante von der zweiten Variante unterscheidet, aber auch wie weitreichend Fichtes Entwicklung bis 1811 war, werde ich eine kurze Gegenüberstellung der Bezeichnungen der Kapitel und dessen, was in ihnen dargelegt wird, durchführen.
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„Über die Bestimmung des Gelehrten“ (1794)
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„Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten“ (1811)
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Erste Vorlesung: „Über die Bestimmung des Menschen an sich“:
Die Bestimmung des Menschen ist „Vervollkommnung ins unendliche“ (GA I,3, S. 32).
„Nennt man nun jene völlige Uebereinstimmung mit sich selbst Vollkommenheit, in der höchsten Bedeutung des Wortes, wie man sie allerdings nennen kann: so ist Vollkommenheit das höchste unerreichbare Ziel des Menschen; Vervollkommnung ist unendlich aber ist seine Bestimmung“ (Ebd. 32).
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Erste Vorlesung: Die Hauptbestimmung des Gelehrten ist, das Uebersinnliche in dem Sinnlichen anzuschauen; das Unendliche und das Ewige in den endlichen Formen des Wissens sehen zu können.
“Der Gelehrte muss nicht bloss das gegebene Seyn in sich wiederholen, sondern er muss Gesichte sehen aus dem übersinnlichen Seyn“ (GA II,12, S.316). Ein Ziel des Gelehrten ist nicht einfach das Wissen (Ebd. 312), das in verschiedenen sinnlichen Formen vorgestellt ist, sondern ein reines und sich selbst gestaltendes, “durch sich selbst bestimmtes a priorisches Wissen”, welches ist “das Bild des innerlichen Seyns und Wesens der Gottheit“ (Ebd. 316). „Dieses reine, durch sich selbst bestimmte a priorische Wissen ist auch das einige wahre Wissen“. (Ebd. 317). „Zu diesem selbstständigen Wissen nun muss der Gelehrte durch die Belehrung hindurch sich erhoben haben, wenn sein Wissen, und sein an das Wissen gesetzte Leben irgend einen Werth haben soll“ (Ebd. 320). Dieses Wissen, welches „das Erscheinen Gottes“, „ein unendliches Bilden” Gottes (Ebd. 318) ist, „dieses Wissen allein hat Werth, und der Gelehrte hat Werth, allein, inwiefern er zu diesem Wissen sich erhebt“ (Ebd. 320.)
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Zweite Vorlesung: „Ueber die Bestimmung des Menschen in der Gesellschaft“:
Als Teil der Gesellschaft nimmt der Mensch in der „gegenseitigen Einwirkung, gegenseitigen Geben und Nehmen“ des Wissens teil“ (Ebd. 39).
Die Gesellschaft erlaubt, zu verwirklichen
“Wechselwirkung nach Begriffen” (Ebd. 37).
“Der Trieb geht auf Wechselwirkung, gegenseitige Einwirkung, gegenseitiges Leiden und Thun...“ (Ebd. 39).
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Zweite Vorlesung: Der Gelehrte und der Prophet schauen das Übersinnliche ganz verschieden an.
Der Gelehrte und der Prophet verwirklichen den „Durchbruch“ zum Übersinnlichen verschieden und mit verschiedenen Zielen. Entsprechend leisten sie verschiedene Einwirkung auf das Volk. Der abgesonderte Gelehrte ist ein Teil der Gesellschaft (des Standes) der Gelehrten, das bei ihm die Anschauung des Übersinnlichen in dem Sinnlichen kultiviert.
“Keinesweges der Einzelne, sondern nur eine eng verbundene und in einander gewachsene GelehrtenGemeine macht den Vereinigungspunkt aus zwischen der übersinnlichen Welt, und der sinnlichen. Der Einzelne in seiner Absonderung vermag nichts, und ist nichts. (...) “, seine Kraft und sein eigenthümliches Wesen verflössend durch das Ganze, er selbst wiederum sich fortbildend nach dem Ganzen, allein also ist etwas: und die Würde und das Verdienst des Einzelnen beruht bloss darauf, dass er die gerade ihm angewiesene Stelle würdig behaupte“ (Ebd. 335 – Ende der zweiten Vorlesung)
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Dritte Vorlesung: „Ueber die Verschiedenheit der Stände in der Gesellschaft“:
Es ist die Auswahl des Standes möglich, von denen jeder seinen Zweck in der Gesellschaft hat; es ist die bewusste Auswahl des Standes der Gelehrten möglich.
Dank der Wahl des Standes und des Lebens im Stand kann jeder in sich ergänzen, was ihm nicht gelang, aufgrund der eigenen natürlichen Anlagen in sich selbst zu entwickeln.
“Sie (die Vernunft) wird sorgen, dass jedes Individuum mittelbar aus den
Händen der Gesellschaft die ganze vollständige Bildung erhalte, die es unmittelbar der Natur nicht abgewinnen
konnte.“ (Ebd. 45). Mit der Wahl des Standes bekommt jedes Mitglied der Gesellschaft die Möglichkeit, “die weitere Ausbildung eines bestimmten Talents [zu wählen], um der Gesellschaft dasjenige, was sie für uns gethan hat, wiedergeben zu
können (...).“ (Ebd. 48-49).
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Dritte Vorlesung:
Es sind zwei Typen solcher Gemeinden der Gelehrten möglich. Jene Gemeinde, wo die Tätigkeit selbst, die auf die Suche des Uebersinnlichen gezielt ist, kultiviert und hochgeschätzt ist. Und jene Gemeinde, wo die Realisierung der übersinnlichen Einsicht in der sinnlichen Welt hochgeschätzt ist (die Position der Staatsverwaltung im höchsten Sinne). (Ebd. 336, 337). Die erste Position hat nicht weniger Bedeutung als die zweite.
“Die Steigerung der allgemeinen Einsicht ist das Werk des Lehrers, und die durch ihn hervorgebrachte wird Quelle werden neuer Einsicht“ (Ebd. 338). Die Einsicht der abgesonderten Gelehrten darf und soll umgewandelt sein “in die allgemeine klare Einsicht der Menschen” durch die gelehrte Bildung. Das Wesen dieser Bildung ist: „das innere Auge für den Anblick der übersinnlichen Welt entwikeln“ (Ebd. 343). |
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Vierte Vorlesung: „Ueber die Bestimmung des Gelehrten“:
Der Gelehrte ist “seiner Bestimmung nach Lehrer des Menschengeschlechtes” (Ebd. 56), er ist sittlich der beste Mensch seines Jahrhunderts, der die anderen Menschen vervollkommnet. Sein Ziel ist die sittliche Veredelung der Leute, “ und hieraus ergibt sich denn die wahre Bestimmung des Gelehrtenstandes: es ist die oberste Aufsicht über den wirklichen Fortgang des Menschengeschlechts im allgemeinn, und die stete Beförderung dieses Fortgangs“ (Ebd. 54). |
Vierte Vorlesung: In der Gemeinde der Gelehrten kann man zwei Klassen der Gelehrten wählen: die Künstler und die Ausübenden. Die zweiten sind die Werkzeuge der ersten, da nur die ersten die übersinnlichen Prinzipien sehen können. Der Gelehrte, der auf die Erscheinung des Übersinnlichen ausgerichtet ist, ist dem Musiker ähnlich, der die Form sieht. Der Gelehrte, der der Arbeiter, Ausübende ist, ist dem Musiker ähnlich, bei dem die Finger einfach gut entwickelt sind. Der Gelehrte-Künstler und der Musiker – beide transzendieren zum Absoluten, aber jeder auf seine Weise.
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Fünfte Vorlesung: „Prüfung der Rousseauischen Behauptungen über den Einfluss der Künste und Wissenschaften auf das Wohl der Menschheit“:
Rousseau war der Ansicht, dass die Menschheit zu ihrem Naturstand zurückkehren muß.
In Wirklichkeit ist das Ziel der Menschheit ihre sittliche Selbstvervollkommnung.
“Handeln! Handeln! Das ist es, wozu wir da sind.“ (Ebd. 67). |
Fünfte Vorlesung:
In den Universitäten, wo die Gelehrten vorbereitet werden, soll vor allem das geistige, übersinnliche Sehen der Prinzipien, die hinter den einzelnen Gegenständen stehen, gelehrt werden: die Fähigkeit, die Grenzen der sinnlichen Welt zu übersteigen. Entsprechend ist der Student vor Ablenkung durch nebensächliche Dinge und schädliche Lebensführung zu bewahren. Ob der Mensch am Ende des Studiums ein Gelehrter ist oder nicht, hängt von seiner eigenen Selbstbestimmung ab. Deshalb muß man bei den Studenten die Fähigkeit der Selbstbestimmung erziehen.
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4.
So sehen wir zwei vollkommen verschiedene Begründungsweisen hinsichtlich der Bestimmung des Gelehrten.
Die eigene Vervollkommnung und die des Menschengeschlechtes ist die erste. Der Aufstieg zum Absoluten durch die Aufhebung aller Formen des sinnlichen Wissens ist die zweite.
Die Verschiedenheit der vorgestellten Begründungen erklärt sich, wie bekannt ist, aus den kardinalen Veränderungen im System der WL selber.
Wenn für den frühen Fichte die „Ichheit“ die höchste Konstruktion ist, so ist es für den späten Fichte das Absolute, und die „Ichheit“ ist aus der Struktur des Absoluten hergeleitet. In den Texten „Über die Bestimmung des Gelehrten“ ist diese radikale Veränderung wie die Linien in der Handfläche sichtbar. Diese beiden Texte, in ihrer Einheit betrachtet, reflektieren das einheitliche Modell, aus dem man die Tendenz der Veränderung des ganzen Systems der WL Fichtes verstehen kann.
5.
Die Tatsache, dass diesen beiden Texten wirklich eine einheitliche Konstruktion zugrunde liegt, ermöglicht die Behandlung der Themen des Transzendierens. Die Transzendenz, die wir hier meinen, bedeutet ganz und gar nicht dasselbe, was hinter diesem Begriff im System von Kant steht. Die Transzendenz (oder besser: das Transzendieren) ist die geistige Tat, die die Verschiebung (oder Überschreitung) der Grenze und dadurch die Entwicklung einer bestimmten schon festen Form gewährleistet – sei es der Form des gegenständlichen Wissens, der Form des Bewusstseins oder der Form des anthropologischen Aufbaus des Menschen.
Das Phänomen des Transzendierens findet sich in beiden Texten, aber verschieden vorgestellt.
In der ersten Fassung der „Bestimmung des Gelehrten“, der von 1794, lassen sich vier Handlungen des Transzendierens feststellen:
– Aus dem Rahmen des individuellen Bewusstseins wird übergegangen zur reinen „Ichheit“. “Das empirische Ich soll so gestimmt sein, wie es ewig gestimmt seyn könnte. (...) Die letzte Bestimmung aller endlichen vernünftigen Wesen ist demnach absolute Einigkeit, stete Identität, völlige Uebereinstimmung mit sich selbst. Diese absolute Identität ist die Form des reinen Ich und die einzige wahre Form desselben.” (GA I,3, S. 30)
– Aus dem eigenen Bewusstseins wird herausgegangen zur Wechselwirkung mit anderen „Ichen“; die Ich-Vorstellung verändert sich durch den Gedanken der Wechselwirkung mit anderen Menschen. “Selten ist Jemand so vollkommen, dass er nicht fast durch jeden anderen wenigstens von irgend einer, vielleicht unwichtig scheinenden, oder übersehenen Seite sollte ausgebildet werden können”. (GA I,3, S. 41)
– Der Rahmen des eigenen Bewusstseins wird überschritten durch den Aufbau und die konsequente Realisierung der Standesposition. Die Vernunft “wird sorgen, dass jedes Individuum mittelbar aus den Händen der Gesellschaft die ganze vollständige Bildung erhalte, die es unmittelbar der Natur nicht abgewinnen konnte.“ (GA I,3, S. 45)
– Und, viertens, die Überschreitung des Rahmens der eigenen Standesposition bei der Wechselwirkung mit anderen Ständen, wenn sich der Gelehrte als “Lehrer des Menschengeschlechtes” begreift. “Der Gelehrte ist ganz vorzüglich für die Gesellschaft bestimmt: er ist, insofern er Gelehrter ist, mehr als irgend ein Stand, ganz eigentlich nur durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft da“. (GA I,3, S. 55) „Er soll über Fortschritte der übrigen Stände wachen, sie befördern; und er selbst wollte nicht fortschreiten? Von seinem Fortschritte hängen die Fortschritte in allen übrigen Fächern der menschlichen Bildung ab.“ (Ebd.)
In jedem der erwähnten Fälle ist der Akt des Transzendierens die Tat des Sich-Absetzens, die Tat der Verschiebung der Grenze.
Entsprechend werden in jedem dieser Fälle verschiedene Ergebnisse erreicht.
Im ersten und zweiten Fall verwirklicht sich die Entwicklung und der „Vorschritt“ des „Ichs“ des Gelehrten, und im dritten und vierten Fall – nicht nur seiner selbst, sondern auch jener Gemeinschaft, in der sich der Gelehrte bewegt.
In der zweiten Fassung der „Bestimmung des Gelehrten“, derjenigen von 1811, geht es auch um die Konstruktion des Transzendierens; diese ist jetzt aber wesentlich verändert.
Finden wir in der frühen Schrift „Über die Bestimmung … „ die Darstellung aufeinanderfolgender Akte des Transzendierens neben einander gestellt, so werden diese Akte in der späteren Schrift als Produkte eines einheitlichen (sie untereinander verbindenden) Erzeugungsprinzips dargestellt, dessen Erkenntnis die Voraussetzung für die Entdeckung der einzelnen Handlungen des Transzendierens ist. Dies nennen wir den Prozess des Transzendierens.
Der Prozess des Transzendierens besteht in der Auswahl der grundlegenden Prinzipien für die Handlungen des Transzendierens; so werden jene Gründe und Bedingungen gefunden, unter denen die Handlung des Transzendierens möglich ist. Dieses die einzelnen Prinzipien umfassende Grund-Prinzip, demzufolge sich der Menschen entwickelt und formt, kann in Wirklichkeit nur nach langer Erfahrung, nach dem Erleben und dem Vollziehen verschiedener Akte des Transzendierens gefunden und begriffen sein.
In der „Bestimmung“ von 1811, bilden die einzelnen Handlungen des Transzendierens den neuen Gegenstand, in Bezug auf den der Gelehrte das reflexive Wissen aufbauen kann. Diese Handlungen, die der Mensch (der Gelehrte) schon erlebt und verwirklicht hat, sind solches sinnlich empfindbares Material, solche endliche Formen des Wissens, wie auch die übrigen Wissensformen, die in der WL der Gegenstand der speziellen reflexiven Analyse werden. Um das Prinzip der Verwirklichung dieser Taten zu finden, muß man aus den Grenzen der vorliegenden Form herauskommen. Die höchste ontologische Grundlage solches Herausgehens ist das Absolute. Das evolutionell konstruierte Prinzip des eigenen Lebensaufbaus soll und darf nur zu ihm in Wechselbeziehung gebracht sein – zu diesem vollkommen offenen Universum der Ideen und der Prinzipien.
Also, der übergeordnete Prozess des Transzendierens ist eine Tat-Handlung, die erlaubt, aus den Grenzen der einzelnen Akte des Transzendierens infolge eines genügend langen Evolutionsprozesses herauszukommen. Ohne Erlebnis eines solchen Prozesses ist dieser die einzelnen Akte transzendierende Grundakt unmöglich. Deshalb schliesst dieser Prozess des Transzendierens obligatorisch die Transzendenz-Handlungen ein, die die Tat der Überschreitung der Grenze sind, aber gleichzeitig ist es nicht einfach die Tat, sondern der Tat-Prozess, die prozessualisierte Tat-Handlung. Sie erlaubt, das Prinzip der Verwirklichung aller früheren Transzendierens-Akte infolge des Prozesses ihres Erlebens und der Selbstbeziehung auf diesen Prozess zu entdecken. Das im Laufe des Prozesses des Transzendierens ermittelte Prinzip ist Stammgrund aller durchgeführten Handlungen des Transzendierens, weil gerade dieses Prinzip die Verwirklichung nicht nur einer bestimmten, sondern einer jeden der Handlungen des Transzendierens ermöglicht. Deshalb bestimmt es wesentlich die Struktur und die Richtung des ganzen Lebenswegs. Mit diesem Prozess des Transzendierens eröffnet und schafft sich der Mensch den Tiefgrund seiner lebenspraktischen Selbstbestimmungen, der alle anderen Gründe bestimmt. Und nur wenn das geschieht, kann der das Leben bestimmende Weg mit einheitlicher Teleologie aufgebaut werden.
So wird in der „Bestimmung“ von 1811, wie auch in allen Varianten der WL der späten Periode, die Überschreitung der Grenzen jedes sinnlichen und gegenständlichen Wissens im allgemeinen – zum Absoluten hin – beschrieben. Doch besteht die Bedeutung konkret dieser Vorlesung, ihre Eigentümlichkeit in Beziehung auf das ganze Text-Gebäude der späten WL, darin, dass diese Überschreitung nicht vom epistemologischen und nicht vom logischen Standpunkt aus beschrieben wird, sondern von dem anthropologischen Standpunkt aus, weil der Gegenstand des Verständnisses die geistig-seelische Organisation des Gelehrten ist. Die in der Vorlesung reflexiv durchdachten Akte des Transzendierens, die schon vom Gelehrten verwirklicht sind, stellen nicht die reine Denktechnik, sondern die Weise der Umgestaltung des ganzen Planes seiner Denk- und Lebenstätigkeit dar.
Diese Weise der Selbstumgestaltung, Selbsttransformierung ist ein hochgradig tief-inneres Wissen des Gelehrten – über die Quellen und die Mechanismen seines Schaffens, über die Bedingungen der Erlangung der Einsichten, Erleuchtungen, die in den Besonderheiten der geistig-seelischen Struktur des Gelehrten tief verwurzelt sind. Entsprechend ist hier das anthropologische Wissen dargestellt.
Die Aufgabe des Gelehrten besteht (mit dem Wort des bekannten russischen Philosophen Pavel Florenskij) darin, „aus sich selbst die Ikone zu weben“, seine Verbindung zum Absoluten zu finden, seinen Kanal zum Absoluten „durchzugraben“, der es erlaubt, eine beliebige gegenständliche Konstruktion zu transformieren. Der Gelehrte ist ein säkularisierter Kanal der Verbindung mit der göttlichen Energie, die durch die Arbeit mit der epistemischen Form entsteht. In dieser Suche seines Weges zum Absoluten, zu Gott, oder mit anderen Worten, bei dem Durchwachsensprozess seines Prinzips der Transzendierung wird entdeckt, dass der Gelehrte den Propheten ähnlich ist, denen ihr Kanal der Verbindung mit dem Absoluten unmittelbar gegeben war. Der Gelehrte kann über die selbe Gabe und über den selben Segen verfügen, über die noch auf der Stufe des Altes Testamentes die Propheten verfügten. Die vorliegende Gegenüberstellung des Gelehrten mit dem Propheten führt Fichte in der zweiten Vorlesung durch, verwirklichend dadurch die soziologische und historische Begründung der eigenen Konstruktion des Transzendierendens, die von ihm in der ersten Vorlesung aufgestellt worden ist.
Im Unterschied zum Propheten verfügt der Gelehrte nicht nur über die Gabe der Vision des Übersinnlichen, sondern auch der Fähigkeit, sie wissenschaftlich, mittels des Wissens zu begründen, entsprechend dieser Vision die sinnliche Welt zu transformieren, sie anderen zu übergeben und dadurch die anderen zum Verständnis des Übersinnlichen zu führen. “Dieser (Gelehrter) soll nicht, wie jener (Prophet), die Welt lassen, wie sie ist, und sie tragen um Gottes willen, sondern er soll sie anders machen, um Gottes Willen, und soll sie bilden nach Gottes Bilde. (…) Auch für ihn giebt es – nicht Eine künftige Welt, sondern eine unendliche Reihe künftiger Welten über Welten” (II, 12; s. 326).
Der Gelehrte ist es, der die Richtung des Transzendierens für die ganze Nation bestimmen und begründen kann; er ist es, der die vorangehenden, von der Nation schon verwirklichten Akte des Transzendierens auswählen und reflektieren kann und hinter ihnen die Logik des einheitlichen Weges sehen kann. Infolge dessen wird die Sicht des Gelehrten klar für alle. Seine Einsicht „wendet sich an die allgemeine klare Einsicht“ (GA II, 12, S. 335). Im Namen des Gelehrten (oder der Gemeinde der Gelehrten) kann und soll jede Nation (und vor allem – die deutsche Nation) für sich den Gang zur Welt der absoluten Ideen „durchgraben“ und deshalb den Prozess des Transzendierens verwirklichen. Er ermöglicht der Nation, ihren Weg nach einem wohl bedachten Plan zu gehen, meidend die Kriege und die übrigen Tragödien; und ihre Vertreter können weniger Fehler machen. “Jetzt denken die Menschen zuvor, ehe sie handeln, und überlegen, und wählen, und wollen, und durch dieses alles wird ihr Handeln geleitet. Wer das letzte auf irgend ein Ziel richten will, hat vor allem das erstere auf dieses Ziel zu richten; sodann erfolgt das beabsichtigte leicht, und wie von selbst. Und so ist von nun an die erste Aufgabe die, die WeltAnschauung eines jeden nach der übersinnlichen Ordnung der Dinge zu bilden, und diese zuerst einzuführen in sein Auge, von welchem aus sie leicht sich auch seiner Hand bemächtigen wird“ (GA II, 12, S. 335). Und gerade in solchen Epochen, da die natürliche Handlungs-Intention verdampft und sich die Frage nach echtem Wissen über den Weg der Nation erhebt, dann ersteht der echte Gelehrte. “…Nur in demjenigen Zeitalter, in welchem die Begeisterung, als seine zum Handeln treibende Naturkraft verschwunden ist, und lediglich die klare Einsicht herrscht, tritt der Gelehrte an die Spitze der Fortschöpfung der Welt” (GA II, 12, S. 335)
Auf ähnliche Weise wird die sozio-kulturelle Begründung in der vierten Vorlesung aufgebaut, wo Fichte den Typus des Transzendierens des Gelehrten demjenigen des Künstlers gegenüberstellt. Der Künstler ist “unmittelbares Werkzeug des übersinnlichen Weltgesetzes” (GA II, 12, S. 346): “so jemand in der Musik es zur Meisterschaft bringen will, so bedarf er dazu allererst der innern Erregbarkeit durch die Form des übersinnlichen, wodurch seine Kunst erst zur Kunst wird.“ (GA II, 12, S. 349). Der echte Gelehrte, der das Werkzeug eigener und nicht fremder Hände ist, der die Akte des Transzendierens verwirklichen kann, er ist dem Musiker ähnlich, der die reine übersinnliche Form anschaut.
Aber der echte Gelehrte, wie auch der echte Musiker, ist sehr selten, da nur sehr wenige zur Betrachtung der übersinnlichen Prinzipien wie der Tiefgründe des eigenen Schaffens herauskommen können, d.h. es verfügen nur sehr wenige über die Gabe des Transzendierens. “In der Geisterwelt ist … jedwedes um so edler, je seltner es ist; und um so unendler, in je grösserer Menge es vorhanden ist. Es lassen einzelne Menschen in der Weltgeschichte sich nennen, die den Werth von Millionen anderer überwiegen. In ässerst wenigen spricht die Gottheit sich unmittelbar aus; diese sind es, in welchen und um welcher willen die Welt eigentlih da ist. Die Menge ist dazu da, um diesen zum Werkzeuge zu dienen.“ (GA II, 12, S. 350).
In der dritten Vorlesung bekommt Fichtes Konstruktion des Transzendierens seine weitere Entwicklung durch die Hinwendung zum alten Thema über die Bestimmung des Standes der Gelehrten, das Fichte schon in der frühen Periode seines Schaffens aktiv durchdacht hat. Dieses Thema findet hier seine wesentliche Entwicklung. Wenn der Gelehrte sich „hindurchgräbt“ zum Absoluten, dann soll er nicht vergessen, dass er in Gemeinschaft mit anderen Gelehrten existiert. Natürlich, darf der Gelehrte allein seine Verbindung mit dem Absoluten aufbauen, aber ist es praktisch nicht oder sehr schwer realisierbar. Die Aufgabe des Standes der Gelehrten besteht darin, jeden einzelnen Gelehrten in seinem Bemühen zu unterstützen, das das ideale übersinnliche Verständnis alles Weltgeschehens aufzubauen: alles dessen, was mit seiner Nation, mit seiner Gattung geschieht; dessen, was mit der Gesamtheit des wissenschaftlichen Wissens geschieht; dessen, was mit dem Gelehrten selbst geschieht. Die Gelehrten sollen innerhalb der Gemeinschaft das Streben kultivieren, das den Prozess der Transzendierens zum Gegenstand hat. Diese Gemeinschaft soll gerade dieses Streben den Studenten der Universität vermitteln, die wünschen, die Laufbahn des Gelehrten zu beschreiten, und die Gelehrten sollen gerade diese Fähigkeit bei den Studenten entwickeln. Doch bewege sich ganze Menschheit insgesamt dahin, die übersinnliche Welt im Sinnlichen zu unterscheiden (GA II, 12, S. 351), und gerade in dieser Hinsicht kann der Gelehrte „ein Lehrer des menschlichen Geschlechtes“ werden. Das Wesen dieser gelehrte Bildung besteht darin, „das innere Auge für den Anblick der übersinnlichen Welt zu entwickeln“ (GA II, 12, S. 343). Die letzte, die fünfte Vorlesung dient dazu, den Beweis zu führen, dass der Student in der Universität hauptsächlich in sich selbst die geistige Sicht entwickeln soll und sich in Bezug auf diese Aufgabe selbst bestimmen soll, wenn er wahrhaft ein Gelehrter werden will.
6.
Also, die Entwicklung von der ersten zur zweiten Variante der „Bestimmung des Gelehrten“ ist offensichtlich: in der späten Fassung kommt Fichte zu einer Konstruktion, die die erste Fassung der „Bestimmung...“ nicht nur nicht aufhebt, sondern die vorangehende Konstruktion vollständig in sich einschliesst. Man kann sagen, dass Fichte in der späten Fassung seinen eigenen Weg als den Weg des Gelehrten vom Gesichtspunkt des von ihm gelebten Prinzips der Selbstumgestaltung reflektiert und eingesehen hat. Dieses Prinzip hat Fichte ausgewählt, herauskommend in die Beziehung zum Absoluten der Ideen und anderer idealen Prinzipien – der Prinzipien der Konstruktion der lebenswichtigen Programme, die von anderen Gelehrten, Künstlern, Propheten verwirklicht sind.
Wir betonen, dass Fichte dieses Prinzip nicht einfach nur als Ergebnis der theoretischen Reflexion, sondern auch als Folge der eigenen persönlichen, selbst erlebten Entwicklung gewählt hat. Fichte vermeidet dadurch die von vielen geäußerte Kritik, seine Reflexion liesse sich nur in der Leere und in der Unendlichkeit verwirklichen. In Wirklichkeit wäre diese Art der Anstrengungen und der ständigen Ausbeutung seiner selbst unzweckmäßig und unproduktiv, wenn nicht die Arbeit des Gelehrten von einem ganz anderen Grund geleitet würde, nämlich: der unmittelbaren lebendigen Verbindung mit dem eigenen persönlichen Leben. (Auf künstlerischem Gebiet halte ich diesbezüglich Dostojewskij für das beste Beispiel.)
7.
In der Arbeit „Über die Bestimmung des Gelehrten“ von 1811, erhalten einige philosophische Themen und die Abfolge der Begründungsschritte vollkommen neue Umrisse. Dies ist Ergebnis ihrer Aufnahme in die neuen anthropologischen Konstruktion, die die vorangehenden Forschungen, die J.G.Fichte praktisch auf den verschiedenen Etappen seines schöpferischen Weges vollzogen hat, in sich aufbewahrt:
– die berühmte Methode Fichtes der krebsartigen Bewegung zu den Gründen;
– das Problem der Beziehung von Einem und Vielem;
– das Problem der Beziehung des Subjektiven und des Objektiven;
– das Prinzip der Offenheit des Systems.
Ich werde nur kurz konkret bei jedem der genannten Momente verweilen.
– Die Methode der krebsartigen Bewegung zu den Gründen.
Wir könnten meinen, die Heraushebung des Grunds der verschiedenen erlebten Handlungen des Transzendierens würde so verwirklicht, wie die Vorwärtsbewegung zum neuen Wissen, welches es noch nicht gibt, vor sich geht. Aber in Wirklichkeit geschieht die Bewegung rückwärts, zu den tieferen Gründen der erlebten Erfahrung; diese sind nämlich die Voraussetzung dafür, dass eine solche, die Grenzen in jener oder anderen Form transzendierende Bewegung im Prinzip möglich ist. Das gegebene Prinzip tritt hier nicht einfach hervor, wie das logisch-methodologische Prinzip, welches das Denken des Gelehrten leitet, sondern wie das anthropologische Prinzip, das die Besonderheiten seines Lebens bestimmt.
Das Prinzip der krebsartigen Bewegung zu den Gründen wie das lebenspraktische Prinzip, das die Methode des Lebens bestimmt, besteht darin, dass auf der genügend reifen Etappe des lebenswichtigen Weges gelingt, die Konstruktion herauszufinden, die in jeder der Taten der Selbstumgestaltung wirksam ist; aber es ist unmöglich, diese Konstruktion nur theoretisch-reflexiv, nur im reinen Denkens auszuwählen, ohne das Erlebnis der Evolution der vollzogenen Handlungen.
– Das Problem der Beziehung des Einen und Vielen
Bekommt in der hier besprochenen „Bestimmung“ von 1811 neue Bedeutung dank der Projektion des Problems auf den anthropologischen Gesichtsspunkt und dank seiner Verbindung mit dem Thema der Kontinuität des lebenswichtigen Weges. So ist die alte platonische Idee der Beziehung des Einen und Vielen hier auf solche Weise, wie das Problem des vernünftigen Aufbauens des Lebenspraxis des Menschen, vorgestellt. Nach J.G.Fichte läßt die Intention zum Entdecken der Einheit, der einheitlichen Linie im Leben, vermuten, dass nicht eine, sondern viele Handlungen des Transzendierens verwirklicht worden sind.
Wie schon mehrmals gesagt wurde, hatte J.G.Fichte folgende Aufgabe zu lösen: wie gelingt es dem Menschen, wenn er verschiedene lebenswichtige Taten verwirklicht, sich nicht in viele abgesonderte, isolierte, besondere Stücke des Lebens zu zerreißen, sondern im Gegenteil entsprechend dem Hauptgrund und dem einheitlichen übersinnlichen Prinzip, auf dem sich die Kontinuität seines Lebensplans aufbaut, zu handeln. Das Streben nach Einheit macht wahrscheinlich, dass ein bestimmter, genügend langer Weg durchschritten werden muß, im Laufe dessen eine Vielzahl verschiedener Proben verwirklicht worden sind.
Es ist in diesem Fall die Methode der Entdeckung der Einheit interessant. Wie wir eben im Zusammenhang mit der Beschreibung der Methode der krebsartigen Bewegung zu den Gründen sagten, liegt hier keine bloße Methode des Denkens vor. Die Einheit, die Ganzheit bezüglich der Lebenspraxis kann auch bloß erlebt sein, muß nicht als solche auch reflektiert sein kann. Dies ist der Fall übrigens bei vielen Leuten. Aber der Gelehrte ist fähig, nicht nur am eigenen Leibe zu erleben, sondern auch die Gründe seiner Erfahrung zu reflektieren. Aber auch der Gelehrte kann die gesuchte Einheit nur dann reflektieren, wenn es ihm gelungen ist, eine Vielfalt von Akten des Transzendierens zu verwirklichen und zu erleben.
Das Problem der Beziehung des Subjektiven (der Subjektivität) und des Objektiven (der Objektivität)
Die Konstruktion des Transzendierens, wie es in der späten Variante „Über die Bestimmung des Gelehrten“ dargelegt wird, erlaubt, auch dieses Problem anders zu behandeln. Wenn ich jede Wissenskonstruktion, die sich auf einen beliebigen sinnlich-gegenständlichen Gegenstand richtet, einschließlich den der Anthropologie, durch den Übertritt in die Welt der Ideen beiseiteschiebe und transformiere, so kann diese Tat nicht mehr ausschließlich subjektiv oder ausschließlich objektiv sein, weil sie schon jenseits der Grenzen dieses Unterschieds liegt. Die Gemeinschaft der Gelehrten hilft mir, die Handlung des Transzendierens zu verwirklichen, indem sie meine Suche des absoluten Wissens unterstützt. Aber auch wenn ich ganz allein mich „durchgraben“ und die Entdeckung machen sollte, so strebe ich dennoch danach, diese Überschreitung der Grenze der Gemeinde der Gelehrten post factum (a posteriori) vorzulegen; und dann wird dieses Wissen intersubjektiv.
Indem der Gelehrte seine eigenen Akte des Transzendierens mit den schöpferischen Handlungen anderer (Gelehrter oder Künstler) vergleicht, kann er sein Prinzip der Verbindung mit dem Absoluten, das zeitlos, ewig ist, entdecken und dadurch in einer bestimmten Etappe seines Lebensweges dahin gelangen, dass sein „Ich“ verschwindet, und daß dann durch ihn das absolute Wissen zu reflektieren beginnt.
– Das Prinzip der Offenheit des Systems der WL.
Obwohl das Prinzip des Transzendierens, das der (ideale) Gelehrte im Laufe seines ganzen Lebens verwirklicht, einen absoluten, zeitlosen Charakter trägt, soll dieses - laut Fichte - keine Norm für andere bilden. Das Absolute stellt die Unendlichkeit solcher Prinzipien des Lebensaufbaus dar, und deshalb bietet sich die Möglichkeit für neue unvergängliche Konstruktionen in alle Ewigkeit, und in diesem Plan steht der Raum für die Suche nach dem Lebensprinzip allen offen.
Im Unterschied zu J.G.Fichte, hat Hegel die Idee des Absoluten in einen normativen Begriff umgewandelt und dadurch die Möglichkeit der freien, unendlichen Suche ausgeschlossen.
Er hat – sozusagen – die Geschichte beendet, indem er die Reihe der anthropologischen Programme, welche die anderen Leute erlebt haben, übernommen und ihnen, diese Programme logisierend, die absolute (ausbildungs-ontologische) Norm gegeben. Von diesem Standpunkt hat er unterlassen, wozu Fichte aufrief: jeder Mensch, wenn er nur will, darf bis zum Absoluten hinstreben und so seinen eigenen, einzigartigen Weg der Bewegung in die Welt der ewigen Prinzipien und der Ideen finden. Aber es gibt keine Garantie, dass dieser Versuch, den einheitlichen Grund des Transzendierens aufzubauen, gelingen wird.
8.
Dieser Bericht ist die Frucht der kollektiven Erörterungen einer Forscher-Gruppe – der Gruppe der Methodologen, die in der Moskauer methodologischen Korporation unter Leitung meines Bruders, des Professors der Psychologie J.V.Gromyko, arbeitet. In ihm kommt zum Ausdruck, wie wir das Entstehen unserer Gruppe und die Besonderheiten unseres eigenen Weges verstehen, wozu als wichtiges Element gehört, daß wir uns als Forscher auf Fichtes Philosophie rückbeziehen.
Ïóáëèêàöèÿ íà ðóññêîì ÿçûêå